Im Mondeshof auf einer Sternenspitze
Von Marlies Schöck
Kunsthistorikerin, Universalmuseum Joanneum
Gleichsam einer Klausur zog sich Luise Kloos jeden Sommer einen Monat zurück, die Abgeschiedenheit, die für Christine Lavants Schaffen notwendige Einsamkeit, den eigens geschaffenen Kokon nachvollziehend, um sich eingehend mit den Texten zu befassen, sich Zeile für Zeile ein- und erarbeitend, um Linien, Wogen und Wellen aufzuspüren, Neigungen und Absichten, Hintergründe und Aussagen zu erkennen, zu bündeln und in eine geeignete Bildsprache zu übertragen.
„…a woman must have money and a room of her own if she is to write fiction;“ 1
war sich die britische Schriftstellerin Virginia Woolf sicher. Sowohl Lavant als auch Kloos gingen den Bestrebungen eines eigenen Raumes nach, wohlwissend um die Bedeutung und den einhergehenden Weg zur Innenschau, wie auch den daraus resultierenden und nach außen getragenen Arbeiten.
Mit erdverbundener und ungewöhnlich natürlicher Selbstverständlichkeit vermag es Christine Lavant, Themen mit tiefem Ernst einen Rahmen zu geben, den Leser in eine abwägende, bedächtige Leseweise führend. In einer Zeit, in der wir von tosendem Sprachlärm umgeben sind und nichts dringlich, verbindlich ist, lädt die Stille, aus der Lavant spricht, in einen Raum der Zurückgezogenheit und Umsicht ein. Die 1915 als neuntes Kind unter dem Namen Christine Thonhauser im Kärntner Lavanttal in eine Bergbaufamilie geborene Literatin litt als Kind unter Skrofulose, eine historische Bezeichnung, mit der heute eine Form der Hauttuberkulose bezeichnet wird, und in späteren Jahren unter Lungentuberkulose, deren Behandlung einerseits mit einer empfindlichen Kopfhaut und dem Tragen eines Kopftuchs einherging, andererseits einen weiteren Besuch der Schule verunmöglichte, sodass Lavant zu stricken, malen und schreiben begann. Die Enge des elterlichen Wohnhauses, der sie durch Wahrnehmungsstrom und Fantasiewelt mäandernd zu entfliehen suchte, bedeutete auf der anderen Seite auch Wärme und Geborgenheit, Schutz und Sicherheit und die Möglichkeit, Reife in der ihr innewohnenden Gedankenwelt zu erhalten. Sie erkannte bereits als Kind den Gehalt des sie umgebenden Naturinventars und machte sich dessen Zauber in ihrer eigenen Übersetzung zu eigen. Von einer reinen Naturlyrik kann bei Lavant jedoch nicht gesprochen werden. Sich wiederholende Elemente dienen oft nur als Klammern, die einen Rahmen um das Gedicht bilden oder
„durch die Wiederaufnahme eines Bildes oder eines Wortes diesem ein besonderes Gewicht geben.“ 2
In diesem Spannungsfeld ihrer sozialen Umgebung übte Lavant Kritik an einer Welt
„nicht so sehr mit dem Ziel, diese Welt abzuschaffen oder sich gegen sich abzuschotten (ginge das überhaupt?), als mit dem Wunsch, ohne allzu große Pein in ihr leben zu können.“3
Die Auseinandersetzung der Literatin mit Gott, seiner Ungreifbarkeit, Mehrdeutigkeit und Transzendenz, die Bedeutung von Demut, Furcht, Schicksal und Einsamkeit, das Begreifen von Natur, Zeit und Zeiterfahrung, und der unbändige Glaube an die Liebe sind Zeugnis von Lavants Gedichten. Diese tiefe Begegnung mit sich selbst, die Lavant suchte, erfasste Luise Kloos, indem sie Zeile für Zeile in sich aufnahm, sich in die damalige Zeit und in Lavants Situation versetzte. Derart gelang ihr eine Bindung zu Lavant, eine langjährige Vertrautheit. Aus dieser Wertschätzung gegenüber der Öffnung und der damit einhergehenden mutig in die Öffentlichkeit getragenen Verletzlichkeit der Literatin gestaltete Kloos acht Bücherbände mit je einem Gedicht, die Zeilen für sich selbst homogen zusammengehörend geordnet, pro Buch zwischen 13 und 19 Bilder – es entstanden mehr als 100 Zeichnungen – in Acryl, Tusche und Graphit auf vergleichsweise großporigem, handgeschöpftem Papier anfertigend, jedes einzelne Buch von Hand gebunden.
Die bildende Künstlerin stand einer Klangwelt gegenüber, die von feinem Rauschen bis zu lautem Kratzen, von weichen Wolkenformationen bis zu dumpfen Ahnungen reicht. Ausgesprochen sorgfältig geht sie auf die jeweilige Textzeile ein, nimmt gelegentlich Bezug auf die gesamte auf der gegenüberliegenden Seite gedruckte Gedichtzeile, zuweilen greift sie ein einzelnes Wort heraus, das in weiterer Folge in der Zeichnung den Kern der Erzählung bildet, wodurch die ideelle Verbindung der beiden künstlerischen Elemente hergestellt wird. Dennoch vermag jedes einzelne von Kloos geschaffene Werk durchaus für sich alleine zu stehen.
In ihrer Interpretation der Gedichte erlaubt sie sich daher eine geradezu ludische Interpretation. Mit sanften Farben wie Cremeweiß und wenigen Linien wird „hoffen“ und „das Hoffnungslose“ dargestellt (Buch 2, S. 19), der Gedichtzeile „Sie reden mir zu durch ein gläsernes Tor“ wird die Zeichnung einer dicken, schwarzen, vertikalen Linie mit hellblauem Überzug von einem ebenfalls hellblauen Rechteck mit übergestülpter Glasglocke gegenübergestellt (Buch 3, S. 27) und das Ich „im Mondeshof auf einer Sternenspitze“ wird durch ein nach oben offenes Kreissegment und einem vermeintlichen Kegel mit nach unten in den Raum des Kreises eindringender Spitze dargestellt, in fein säuberlich gesetzten Linien, sowie – den eigenen künstlerischen Anspruch an sich selbst steigernd – ins mollige Papier Einkerbungen ziehend, eine zusätzliche Dimension erzeugend (Buch 8, S. 5). Die Darstellung der Einsamkeit ermöglicht Kloos mit einer im oberen Drittel fingerdicken schwarzen Linie, die nach unten ausstrahlt, ähnlich einer hell leuchtenden Straßenlaterne, viel Raum gebend und die Struktur des Papiers gut zu erkennen (Buch 2, S. 33).
Buch 2, S. 19
Buch 3, S. 27
Buch 8, S. 5
Buch 2, S. 33
Vom Gegenstandslosen Abstand nehmend wird hingegen das Perlhuhn eindeutig durch Punkte vorgestellt (Buch 4, S. 5), ebenso Kärntens Berge (Buch 7), deren Erhebungen durch eine Vielzahl von Darstellungen – Silhouette mit Graphit, weiße Aussparungen, vielfältige Möglichkeiten der Liniensetzung – als Gebirgszug auszumachen sind.
Buch 4, S. 5
Buch 7
Ähnlich Christine Lavant, die in ihren Gedichten zeitweise durch die Wiederaufnahme eines Bildes oder Wortes einen figurativen Rahmen setzte, ermöglicht Kloos den Coup der eigenen Rahmung durch Ziehen von Linien und Anbringen eines farbigen Hintergrundes (Buch 1, S. 11, S. 19, Buch 5, S. 13).
Buch 1, S. 11
Buch 1, S. 19
Buch 5, S. 13
Wiederkehrende Elemente finden ihre Vertretung durch sehr kurze, vertikale Striche, die sich teilweise über die gesamte Zeile oder sogar die gesamte Seite ziehen (Buch 1, S. 7, 9, 19, 29, 41) (Buch 2, S. 15) (Buch 5, S. 5, 21) (Buch 7, S. 13) (Buch 8, S. 29) und als in ihrer bereits angenehmen Vertrautheit bekannte Komponente über die Gesamtheit der Ausgaben einen Bogen spannen. Konstruktivistische Körper in vielfältigen Variationen trifft man in allen acht Bänden: alleine, mit einer ähnlichen Form, mit geschwungenen Linien oder mit dem Pinsel gefasste Punkte.
Buch 1, S. 7
Buch 1, S. 9
Buch 1, S. 19
Buch 1, S. 29
Buch 1, S. 41
Buch 2, S. 15
Buch 5, S. 5
Buch 5, S. 21
Buch 7, S. 13
Buch 8, S. 29
Die Veränderung der bildenden Künstlerin hinsichtlich der Gestaltung der Bücher zeigt über die Jahre hinweg sowohl Veränderungen im Stil als auch in der Farbe. Während Kloos tendenziell mit geometrischen Formen und Linien arbeitet, stehen in Buch 4 und 7 Tier- und Naturdarstellungen im Vordergrund, in Buch 6 treten vermehrt Kreisformationen in Erscheinung.
In ihrer Farbwahl zumeist auf Blau, Cremeweiß, Gelb, Braun, Grau und Schwarz vertrauend, zieht Kloos die Farben Rot und Gold heran, um herausragende Momente zu akzentuieren. Greift sie in den ersten Ausgaben sehr dezidiert zur Signalfarbe Rot, fehlt sie in Buch 5 auf beinahe keinem Blatt.
Die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, deren mehrheitlich autobiographisch geprägten Werke einen stark soziologischen Bezug aufweisen, meinte:
„Ist Schreiben nicht auch eine Art des Gebens.“ 4
Lavant, die fern der literarischen Zentren die Welt reflektierte, war aber nicht minder radikal, als die Generation der damals aufstrebenden, avantgardistischen Autoren, die zur selben Zeit mit der lyrischen Tradition brachen.
Zwischen Ende 1945 und Ende der 1950er-Jahre entstanden 1700 Gedichte und 1200 Seiten Prosa, wobei die Bedeutung der letzten Endes glücklosen Liebesbeziehung zum Maler Werner Berg für die Entstehung vieler Gedichte heute außer Zweifel steht. Eine Würdigung ihrer Arbeit wurde Christine Lavant 1970 zuteil, als sie mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Gebührend ehrt Luise Kloos die Literatin mit einer synästhetisch berauschenden Ovation.
1 Virginia Woolf, A Room Of One’s Own, Grafton, London 1977, S. 7.
2 Hanna Biller, Lektüren zum Kanon. Zu ausgewählten Gedichten Christine Lavants, Dipl.arbeit, Wien 2013, S. 95.
3 Didier Eribon, Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege, Bonn 2017, S. 93.
4 Annie Ernaux, Gesichter einer Frau, aus dem Französischen von Regina Maria Hartig, München 2007, S. 110f.