Christine Lavant
Ihre verschlüsselte Botschaft des persönlichen Glaubens
von Josef Kopeinig
Gerne gestehe ich, dass ich es als schier unmöglich, sogar als sakrilegisch verspüre, die Seele eines anderen Menschen und ihre Vibrationen deuten zu können oder zu dürfen.
In der üppigen Landschaft vor meinem Fenster verliert sich mein Blick in den Abermillionen grünen und selbst in ihren Farbtönen so verschiedenen Blättern.
Wenn ich noch die biologische Überschwänglichkeit mit bedenke und weiß, dass es in der Natur keine Kopien gibt, sondern alles so einmalig ist, wie sind dann erst recht die seelischen Eigenschaften jedes einzelnen Menschen für jeden anderen unergründlich.
Wir stehen allemal als unfähige Deuter vor dem Geheimnis des anderen.
Auch wenn wir manchmal glauben, jemanden kennengelernt und verstanden zu haben, merken wir doch sehr bald, wie fremd wir uns eigentlich im Tiefsten sind.
Der slowenische Dichter Janez Menart spricht diese alltägliche, manchmal erschreckende und so ernüchternde Wahrheit folgendermaßen aus:
„Ich stehe vor dem Spiegel
und schaue mich an.
Meine Augen werden immer größer und verwundeter und fragen mich:
Bist das wirklich DU?
Aber das wahre ICH bleibt mir und anderen ein Geheimnis.“
Wenn ich Texte lese, die nicht bloß mit der oberflächlichen Fotolinse die Natur oder Menschen beschreiben, sondern mit der eruptiven Kraft der Worte, die aus den Geburtswehen neuer Erkenntnisse wie ein Vulkan hervorbrechen, fühle ich mich so unfähig und auch nicht willig, das Geheimnis eines anderen zu berühren.
Wer als leidenschaftlicher Pilger zu neuen Erkenntnissen, Erlebnissen und Wirklichkeiten unterwegs ist, ist letztlich doch froh, wenn er aus dem fast bodenlosen Brunnen so viel klares Wasser schlürfen darf, wie er derzeit benötigt, aber nicht mehr.
Aber der Brunnen als Sinnbild des unausschöpfbaren Geheimnisses: Mensch, Welt, Gott stehen mitten in der Oase, wo man sich immer wieder nie ermüdend einfinden darf, den Brunnen nie ausschöpfend, deshalb durstend nach immer neuen Ahnungen und Sehnsüchten.
Christine Lavant können wir in ihrem geistigen Labyrinth nur begegnen, wenn wir ihr mehr als aufmerksam zuhören, um ihre vielen Metaphern – die bekannten oder auch noch zu erschließenden – „nussknackend“ zu öffnen und zu deuten.
Die Grundmelodie ihrer Meditationen scheint melancholisch zu wirken, wenn wir auch das Geröll auf ihren Lebenswegen mitbedenken.
Mit einem deutenden Blick und hellem Ohr für die Tiefen ihres Herzens, das sich oft unverstanden in die schmerzende Einsamkeit zurückzog, sind ihre oft scheinbar zufälligen Bildworte doch zugleich der schrille Aufschrei einer missverstandenen Kassandra oder die aufrüttelnde Bitte um das Durchbrechen der Schallmauer des Banalen, dem wir uns im Alltag doch so oft ergeben.
Mit ihrem schonungslosen Tiefenblick entzaubert sie die glimmernde Romantik der früheren sozialen Landschaften.
Sie erzeugt das Gefühl, eher den feuchten Herbstnebel und die klirrende Winterkälte zu beschreiben als die berauschend erwachte Hoffnung der Frühlingslandschaft und der ersehnten Tage mit längeren Abendlichtern.
Über Christines Lavant Glaubensorientierung kann ich mir unbefugter Weise keine Urteile zumaßen.
Die Beziehung zu Gott und den letzten Sinnfragen sind wohl dem erklärenden Verstand, wie auch selbst der geistlichen Empathie entzogen. Es betrifft die geheimnisvollste Beziehung, die erstlich und letztlich nicht vom Menschen ausgeht, sondern der Initiative Gottes obliegt.
Das können wir sehr deutlich bei bekannten Konvertiten und Konvertitinnen nachlesen, die dem Ruf Gottes so folgen, dass sie die letzte Klarheit nicht in ihrer eigenen Erkenntnisfähigkeit sehen, sondern sie in der liebenden Umarmung Gottes erfahren.
Deshalb neige ich eher zu dieser ehrfürchtigen Haltung, dass wir von keinem Menschen das Allerwichtigste, das Allernotwendigste und das Allerschönste sagen können.
Die tiefsten Motive des Menschen und des Künstlers und der Künstlerin bleiben uns ein faszinierendes Geheimnis.
Wenn wir Künstler und Künstlerinnen nach ihren Lieblingstexten, -bildern, -melodien fragen wollten, so würden wohl die meisten demütig bekennen: „Die schönsten Bilder, Texte, Lieder liegen noch in meinen schöpferischen Geburtswehen…“
Manchmal werden Texte von Christine Lavant auch mit einem pantheistischen Anhauch gedeutet. Ich glaube eher, dass ihr Gottesglaube – zwar theologisch nicht differenziert – eher die Immanenz Gottes in der ganzen Schöpfung, in allem Sein und in jedem Menschen meint und dass auch sie sich letztlich im solidarischen, leidenden und barmherzigen Gott-Vater beheimatet weiß.
„Es ist weit bis zum Herzen Gottes“ – ist ihre stille oder laute Klage. Aber wer verspürt nicht ähnliche Seufzer in seinem Herzen?
Öfters erleben auch wir, dass Gott uns durch viele einfühlsame Menschen oder überraschende Begegnungen und Ereignisse mehr als auf der halben Wegstrecke entgegenkommt.
Christine Lavant klagt oft über ihre seelische Einsamkeit, über fehlende Menschen, mit denen sie gemeinsam neue Horizonte der Erkenntnis, des Glaubens und der Tröstungen erleben könnte.
Aber aus diesen leidenden und durchlittenen Erfahrungen befreit sie sich mit ihrer so reichen und assoziativen Sprachschöpfung:
„Solange ich schreibe, bin ich glücklich, auch wenn das schwerlich ist. Das Schreiben ist das Einzige, was ich habe. Es ist meine schmerzhafte Stelle und zugleich eine heilende Salbe.“
Ihre Glaubensdimension kann man nicht von ihrem Welt- und Menschenbild trennen.
Jedes literarische Werk, auch das der Christine Lavant, ist eine Botschaft, eine durch verschiedene Lebens-, Leidens- und Hoffnungserfahrungen geprägte, die sich sowohl in frommem Stammeln, als auch in zweifelnden Lästergebeten, in schmetternden Fragen an Gott und in Ergebung ausdrückt.
Nicht anders sind die Klage- und Weckrufe der Propheten im Alten Testament oder des leidenden Hiob, der in seiner selbst eingeschätzten Selbstgerechtigkeit Gott selbst vor sein Gericht zitiert.
Auch Nietzsche hat sich an seinem falschen Gottesbild seine Seelenwunden ausgeweint, als er nur an den strengen und strafenden Gott dachte und vor ihm bestehen wollte.
Glaube aber soll nicht krank machen, sondern die innere Freiheit schenken.
Der Wegweiser zu dieser friedvollen Freiheit aber ist Jesus, der von sich sagen kann:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“
Dichter, Künstler und Propheten können unsere Seelen erwecken, sie erschrecken und mündig machen, aber die oft langwährende und letztlich doch gewährte Antwort gibt Gott durch seine Umarmung.
Christine Lavant ist eine Lyrikerin des aufgewühlten Herzens.
Sie bedient uns nicht mit billigen moralischen Wundpflastern.
Sie ist eine Dolmetscherin der tieferen Sehnsüchte, die nicht nach vorschnellen Tröstungen haschen, sondern sich im Labyrinth der verschiedenen Lebenserfahrungen der tieferen, aber nicht erreichbaren letzten Wahrheit nähern.
Christine Lavant ist für mich eine Lyrikerin, die die Seelenlandschaft vieler Zeitgenossen schmerzlich, aber doch hoffnungsvoll durchschreitet.
– Josef Kopeinig, Tainach/Tinje, 22.6.2023